Der Heuchelhof Ende der 1970er Jahre aus der Vogelperspektive. Erst wuchsen die Hochhäuser, dann folgten in der Peripherie die Einfamilienhäuser. Links unten am Bildrand die Gebäude der Main-Post. Foto: Luftbild Bischof & Br

Vor 50 Jahren: Die Main-Post zieht es auf den Heuchelhof

In den späten 1950er Jahren hat das Verteidigungsministerium Pläne für Würzburg. Eine Kaserne für die junge Bundeswehr will es bauen, und 1960 ist auch klar, wo: 6,5 Kilometer südlich des Stadtzentrums, oberhalb des Heidingsfelder Katzenbergs. Otto Groß von Trockau, der Eigentümer des Gutes Heuchelhof, bietet 216 Hektar Felder zum Verkauf.

Aber unten wird den Würzburgern ihr Würzburg zu eng. Etwa 126 000 Einwohner zählt die Stadt, die wachsen will. Im Juli 1961 setzt sie sich durch gegen das Militär. Sie erwirbt das Gelände, die Planungen für einen neuen Stadtteil auf dem Heuchel – diversen Publikationen zufolge bedeutet das Wort "Hügel" – beginnen.

Mitten in der Stadt wird die Zeitung gedruckt

Mitten in der Stadt, in der Plattnerstraße, hat die Main-Post ihr Verlagsgebäude, dort wird die Zeitung auch gedruckt. Verlag, Druckerei und Zeitungsredaktion wird es in der Altstadt zu eng. 1969, vor 50 Jahren – noch steht kein neues Haus auf dem Heuchel, seit einem Jahr wird die Heuchelhofstraße gebaut – kauft die Main-Post der Stadt sieben Hektar Grund ab, um mit Verlag und Druckerei auf die Höhe zu ziehen.

1974 ist der Umzug auf die "grüne Wiese" an der Peripherie Würzburgs weitgehend abgeschlossen. Im Kopfgebäude (rechts) sind Redaktion und Verlag untergebracht. Links auf dem Bild ist das Kasino zu sehen, im Hintergrund die ersten Hochhäuser auf dem Heuchelhof. Foto: Georg Heußner

Damit ist die Main-Post das erste große Unternehmen, das sich für den neuen Stadtteil entscheidet. Den Stadtplanern im Rathaus ist sie sehr willkommen.

Bis zu 25 000 Menschen, so plant die Stadt, sollen dereinst hier wohnen. Unklar ist, welche Funktion der Heuchelhof haben soll. Würzburgs damaliger Oberbürgermeister Klaus Zeitler stellt den Stadtteil Mitte der Siebzigerjahre als "Trabantenstadt" vor. Der Geschäftsführer der eigens gegründeten städtischen Heuchelhofgesellschaft, Gerhard Vogel, will das gerade nicht. Ein "selbstständiger kommunaler Organismus" solle der Heuchelhof werden, schreibt er 1972, mit Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitangeboten und Arbeitsplätzen.

Die Stadt geht von Bevölkerungswachstum aus

Stadt und Main-Post planen in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren auf dem Heuchelhof mit dem Schwung und der Euphorie des Wiederaufbaus. Die Stadt geht von Bevölkerungswachstum aus, der neue Stadtteil soll die "Kernstadt", so schreibt Vogel, von "schädlichen Umwelteinflüssen – Lärm, Staub, Abgase" entlasten und selbst grün und kinderfreundlich werden, mit möglichst wenig Autoverkehr und Stellplätzen unter der Erde. 

1970 beginnen die Bauarbeiten, der Grundstein für den neuen Standort der Main-Post wird gelegt. Bereits im Juni 1971 werden dort erste Richtfeste gefeiert und ein Jahr später gehen die ersten Anlagen in Betrieb.

Einer der modernsten und bedeutendsten Druckbetriebe der Bundesrepublik

Im November 1974 lesen die Würzburger in der Zeitung, auf dem Heuchelhof stehe nun "einer der modernsten und bedeutendsten Druckbetriebe der Bundesrepublik, ja Europas" – mit Druckerei und Zeitungsproduktion. 1000 Beschäftigte arbeiten auf 25 000 Quadratmetern Arbeitsfläche, der Ausstoß ist nach Angaben des Verlagshauses enorm: Drei Millionen Bücher im Jahr, zwölf Millionen Kataloge, 120 Millionen Prospekte und drei Milliarden Etiketten – zusätzlich zum täglichen Druck der Main-Post und ihrer Lokalblätter. Die Druckerei und Buchbinderei, die sogenannte Akzidenz, zählen zu den größten des Landes, hier werden Merian-Hefte produziert, der Neckermann-Katalog und auch die Etiketten für die Becks-Bier-Flaschen.

Dann kommt die Ernüchterung, zuerst bei der Stadt. In den Siebzigern sinkt im Land die Geburtenrate, die Ölkrise verunsichert die Leute, die Autoindustrie hat eine Absatzkrise, Investitionslust und privater Konsum gehen zurück, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Mitte der Siebziger stellt Vogel fest, das ursprüngliche Konzept für den neuen Stadtteil sei nicht mehr zeitgemäß. Statt von 25 000 Einwohnern geht er nur noch von 12 000 aus.

Für den Abtransport der schweren Setzmaschinen mussten 1974 zum Teil Löcher in die Außenmauern der Gebäude in der Plattnerstraße geschlagen werden. Mit Spezial-Transportern ging es dann zum neuen Druckzentrum am Heuchelhof. Foto: Georg Heußner

Dass der Zeitenwandel auch den Verlag der Main-Post trifft, wird 1991 öffentlich. Es kommt zur Schließung der Akzidenzdruckerei. Der Verlag spricht von der "schmerzhaftesten Entscheidung" seiner Geschichte. Die Tageszeitung ist von dieser Entscheidung nicht betroffen: Redaktion und Produktion bleiben im gewohnten Umfang bestehen.

Heute hat der Heuchelhof knapp 10 000 Einwohner

Heute hat der Heuchelhof knapp 10 000 Einwohner. Er ist ein Ort des Wandels geblieben, wo Weltgeschichte sichtbar wird. So haben mehr als die Hälfte seiner Bewohner ihre Wurzeln im Ausland, die meisten in Osteuropa, im früheren Herrschaftsgebiet des untergegangenen Warschauer Paktes.

Und 50 Jahre, nachdem die Verlegerfamilie Richter sich als Pionier für den Heuchelhof entschieden hat, ist die Main-Post ein Medienhaus, das sich im Zeitalter der Kommunikation und Information permanent neu erfindet.

Dabei ist der Heuchelhof ist auch einer der ältesten Teile der Stadt. An der Berner Straße siedelten Menschen schon in der Steinzeit vor 5000 Jahren. Die Luft war besser als unten im sumpfigen Tal, die Überschwemmungen des Maines störten nicht und man konnte Freunde und Feinde schon von weitem nahen sehen.