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Sogenannte Bots, spezielle Computerprogramme, ahmen die Fähigkeit von Menschen nach, mit geschriebener Sprache zu kommunizieren. Sie werden eingesetzt, um im Internet gezielt Meinung zu machen.Illustration: Romina Birzer Foto: Illustration: Romina Birzer

Trolle, Bots & Co.: Wer kommentiert denn da?

Rentenreform, Verkehrsunfall oder neuer Diättrend: Kein Nachrichtenthema, zu dem Internetnutzer keine Meinung haben, die sie in Kommentarspalten, Facebook-Posts und Tweets kundtun. Nicht jeder Kommentator ist dabei der, der er vorgibt zu sein. Immer wieder gibt es jene, die mit ihren Beiträgen gezielt manipulieren und provozieren wollen. Trolle nennt man diese Kommentatoren im Netzjargon.

Ein Thema, das auch in der Arbeit von Lambert Zumbrägel auftaucht. Er ist im Bezirksjugendring Unterfranken für die Medienberatung zuständig: „Das spielt immer wieder eine Rolle. Vor allem auch in der politischen Bildungsarbeit. Dort ist es derzeit auch medial am präsentesten.“ Das wird vor allem an einem Schlagwort deutlich: Fake News. „Der Begriff ist eine Verharmlosung von Lüge. Daher versuchen wir in der Jugendarbeit, das auch so hinzustellen. Das Phänomen ist auch nicht neu. Früher sind Hoaxe eben über Mails gekommen, heute über Soziale Medien“, sagt der Medienpädagoge.

Der Vorwurf an andere Nutzer, sich als Troll zu betätigen, ist für Internetverhältnisse uralt: Seit über 20 Jahren kennt das „Oxford Dictionary“ den Troll als jemanden, der in Netzdiskussionen provoziert und an einer sachlichen Diskussion nicht interessiert ist. Doch jüngst ist die Bedeutung dieser Stimmungsmacher gestiegen. Ganze Troll-Fabriken gibt es inzwischen. So bezeichneten Medien eine russische Organisation, die hunderte Mitarbeiter beschäftigt, die Beiträge und Kommentare im Sinne des Kreml posten. Anders als der klassische Internettroll sollen sie nicht einfach Diskussionen zerstören, sondern gezielt beeinflussen: Sie sollen Propaganda für die russische Regierung verbreiten – und dabei wirken, wie normale Internetkommentatoren.

Im Beruf online kommentieren

Netzkommentare hat man auch anderswo als Mittel entdeckt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. In China werden Kommentatoren, die für den Staat tippen, als 50-Cent-Partei bezeichnet – nach dem Gerücht, sie bekämen für jeden Beitrag 50 Cent der chinesischen Währung Renminbi. Tatsächlich werden die chinesischen Kommentatoren wohl nicht extra bezahlt, fand eine Studie der Universität Harvard heraus – es handele sich um Staatsbedienstete, die eigentlich anderen Tätigkeiten nachgehen. Regierungsansichten im Netz zu verbreiten, sei nur ein Teil der Jobbeschreibung. Die Harvard-Wissenschaftler schätzen, dass die staatlichen Kommentatoren für 448 Millionen Kommentare im Jahr in den Sozialen Netzen in China verantwortlich sind. Die Strategie sei dabei nicht, Kritikern mit Argumenten entgegenzutreten, sondern vor allem abzulenken, das Thema zu wechseln und für das chinesische System zu werben.

Egal, wer hinter Falschmeldungen im Netz steckt, Jugendliche sind beim Surfen durchaus skeptisch, so Zumbrägel: „Grundsätzlich wissen Jugendliche, dass im Internet nicht alles richtig und wahr ist. Da sind sie in großen Teilen kritischer als Erwachsene.“ Wer wissen möchte, ob eine Geschichte auf Facebook wahr ist, wird manchmal auf Seiten wie mimikama.at fündig. Mit ihrem Projekt „Zuerst denken – dann klicken“ hat sich die Initiative, die sich selbst als internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch beschreibt, der Aufdeckung von Falschmeldungen verschrieben. Hunderte Berichte über angebliche Verbrechen von Flüchtlingen finden sich auf der Seite hoaxmap.org – mitsamt Link auf Presseberichte, die die Behauptungen widerlegen.

Zu Programmen, die automatisch posten und kommentieren und zum Beispiel bei Twitter auf Nachrichten mit einem bestimmten Schlagwort reagieren, meint Zumbrägel: „Noch schwieriger ist es, Bots zu erkennen. Dies ist mittlerweile auch für Fachleute immer schwerer, weil die dahintersteckende Software immer 'intelligenter' wird.“ Bots machen es damit schwer, einzuschätzen, was andere Nutzer wirklich denken und welche Nachrichten viel Aufmerksamkeit erfahren: „Likes und Klicks können gekauft oder per Bots generiert werden und haben kaum Aussagekraft. Mehr Aussagekraft hat es, wenn ich die Nachricht in mehreren verschiedenen Quellen finde.“

Seriöse Nachrichtenbeiträge missbraucht

Noch mehr Vertrauen wecken Nachrichtenseiten, die der Nutzer schon als seriöse Quellen kennt. Wer auf Facebook den Link zu einem Artikel seiner Tageszeitung sieht, geht davon aus, keine Fake News vor sich zu sehen – und schaut erst einmal auf Überschrift und anreißenden Text, die Facebook zum Link zeigen. Die aber konnten Betreiber einer Facebook-Seite bis vor Kurzem leicht ändern: Wer zum Beispiel ein Facebookkonto für ein Unternehmen oder eine Partei betreut (normale Accounts für Einzelpersonen hatten diese Funktion nicht), konnte bis Ende Juli frei wählen, mit welcher Überschrift ein Artikel, den er auf Facebook teilt, angezeigt wurde. Diese Funktion konnten sich Seitenbetreiber bis zum Facebook-Update im Juli zunutze machen, um eigene Botschaften zu verkaufen, als hätten seriöse Nachrichtenseiten damit aufgemacht.

Aus der „Handelsblatt“-Schlagzeile „Mitteldeutsche Regiobahn führt Frauenabteile ein“ machte eine rechte Facebook-Gruppe „Erhöhte Sicherheit: Regiobahn führt Frauenabteile ein, wegen Übergriffe durch Flüchtlinge“. Im Artikel kommen weder Flüchtlinge noch Übergriffe vor. Die Seitenbetreiber haben ihre eigene, holprig formulierte Überschrift eingesetzt. Richtigstellungen des „Handelsblatts“ in der Gruppe haben die Administratoren gelöscht, wer nur den geteilten Link auf Facebook sieht, geht davon aus, das „Handelsblatt“ habe den Artikel so veröffentlicht. Wer allerdings den Artikel liest, erkennt, dass die Behauptungen in der Überschrift auf Facebook falsch waren.

Dass Internetnutzer sich nicht selten auf das Lesen der Überschrift beschränken, legt eine Studie der Universität Columbia nahe: Viele Nutzer seien eher bereit eine Geschichte zu teilen, als sie zu lesen, so die Wissenschaftler. Ein Phänomen, dem eine Nachrichtenseite des norwegischen Rundfunks in der eigenen Kommentarspalte Herr werden möchte: Wer bestimmte Artikel kommentieren möchte, muss erst drei Fragen zum Inhalt des Beitrags richtig beantworten.